Farbwelten · Licht
Eine Wand hat keine eigene Farbe.
Sie hat eine Reflexionseigenschaft. Was das Auge sieht, ist das Produkt aus dieser Eigenschaft und dem Licht, das darauf fällt. Ändert sich das Licht, ändert sich die Farbe — physikalisch, nicht gefühlt. Deshalb sieht der Ton, den Sie im Baumarkt unter Leuchtstoffröhren ausgesucht haben, in Ihrem Nordzimmer aus wie ein anderer.
Fünf Lichter, die jede Wohnung kennt
Vier davon kommen am selben Tag im selben Raum vor. Die Farbtemperatur in Kelvin ist die übliche Angabe: kleine Zahl heißt warmes, gelbliches Licht, große Zahl heißt kühles, bläuliches.
Fenster nach Norden, oder jeder bedeckte Tag
Das kühlste Licht, das ein Wohnraum kennt — und das einzige, das den ganzen Tag gleich bleibt. Es zieht Blau- und Grüntöne nach vorn und lässt warme Töne stumpf wirken: Ein Beige, das im Laden freundlich aussah, wird hier grau.
Fenster nach Süden, direkte Sonne, 12 bis 15 Uhr
Der Referenzfall — annähernd das Licht, in dem Musterkarten gedruckt und beurteilt werden. Es verzeiht am meisten, weshalb ein Ton, der hier gut aussieht, noch gar nichts über den Rest des Tages sagt.
Die letzte Stunde vor Sonnenuntergang, West- und Südwestfenster
Das schmeichelhafteste Licht überhaupt: Es macht jeden warmen Ton satter und jedes Grau lebendig. Auch das Licht, in dem die meisten Kaufentscheidungen bereut werden — es dauert eine Stunde am Tag.
2700 K — die übliche Wohnzimmerbirne
Abends sehen die meisten Menschen ihre Wände fast nur in diesem Licht. Es vergilbt Weiß, dreht Grau ins Bräunliche und nimmt Blautönen die Farbe fast vollständig — ein kühles Graublau kann darunter schlicht grau werden.
4000 K — Küche, Bad, Arbeitsplatz
Deutlich näher am Tageslicht und deshalb der beste Kompromiss, wenn abends noch gearbeitet oder gekocht wird. In einem Wohnzimmer wirkt es schnell nach Büro.
Derselbe Ton, fünfmal
Drei Beispiele aus dem Sortiment — nicht ausgesucht, sondern gerechnet: der Ton, der sich am wenigsten verändert, ein ganz gewöhnlicher, und der empfindlichste. Die Zahl dahinter ist der Abstand zwischen der Erscheinung unter warmweißer Lampe und der bei Nordlicht, gemessen in ΔE. Ab ungefähr 2,3 sieht ein geübtes Auge einen Unterschied; alles über 20 ist eine andere Farbe.
Der stabilste Ton im Sortiment
Charbon Nuit No. 49
bleibt sich treu ΔE 8,1
Dieser Ton sieht morgens und abends fast gleich aus. Eine Probefläche schadet nie, aber hier ist sie ausnahmsweise nicht der entscheidende Schritt.
Ein ganz normaler Fall
Ochre Flame No. 23
verändert sich merklich ΔE 15,3
Ein sichtbarer, aber beherrschbarer Unterschied. Probefläche an die Wand, die am wenigsten Licht bekommt — dort entscheidet sich, ob der Ton trägt.
Der empfindlichste Ton im Sortiment
re-box base one (matt)
verändert sich stark ΔE 22,4
Dieser Ton ist abends ein anderer als mittags. Ohne Probefläche auf zwei verschiedenen Wänden, angesehen bei Tageslicht UND bei eingeschalteter Lampe, ist der Kauf ein Glücksspiel.
Bei welchen Tönen die Probefläche entscheidet
Eine Probefläche ist immer richtig. Aber bei diesen Tönen ist sie nicht Sorgfalt, sondern Voraussetzung — sie verändern sich zwischen Lampe und Nordfenster so stark, dass die Musterkarte im Laden über den Raum zu Hause nichts aussagt.
Verändern sich am stärksten
| re-box base one (matt) | ΔE 22,4 | |
| Blanc Épuré No. 55 | ΔE 21,6 | |
| Lin Clair No. 58 | ΔE 21,0 | |
| Linen Veil No. 11 | ΔE 20,8 | |
| Gesso Clair No. 57 | ΔE 20,3 | |
| Sel Marin No. 54 | ΔE 20,3 | |
| Neige Douce No. 42 | ΔE 20,1 | |
| Soie Blush No. 59 | ΔE 20,0 |
Bleiben sich treu
| Charbon Nuit No. 49 | ΔE 8,1 | |
| Nuit de Cendre No. 48 | ΔE 9,2 | |
| Forge Grey No. 28 | ΔE 9,2 | |
| Matcha Bloom No. 9 | ΔE 9,2 | |
| Brun Moka No. 53 | ΔE 9,3 | |
| Bois Impérial No. 52 | ΔE 9,7 | |
| Green Husk No. 10 | ΔE 9,7 | |
| Berry Veil No. 21 | ΔE 9,8 | |
| Baltic Midnight No. 24 | ΔE 9,9 | |
| Bramblewood No. 6 | ΔE 10,0 |
Auffällig und kein Zufall: Oben stehen fast nur helle, wenig gesättigte Töne. Je heller eine Fläche, desto mehr Licht wirft sie zurück — und desto mehr von der Farbe des Lichts landet im Auge. Ein tiefes Anthrazit schluckt fast alles und bleibt deshalb Anthrazit. Wer sich vor bösen Überraschungen fürchtet, ist mit dunkel besser bedient als mit hell. Das ist ungefähr das Gegenteil dessen, was man erwartet.
Welche Wand, welches Licht
Es gibt keine Farbe, die man in einem Nordzimmer nicht streichen darf. Es gibt nur Töne, die dort mehr Mühe machen als anderswo.
Nordzimmer
Gleichmäßig, kühl, nie direkte Sonne. Das ehrlichste und das gnadenloseste Licht.
Leicht: Warme Töne mit etwas Gelb oder Rot darin. Sie gleichen die Kühle aus, statt gegen sie anzukämpfen.
Schwierig: Kühle Grautöne und Graublau. Sie werden hier schnell zu dem, was niemand wollte: kalt und flach.
Ostzimmer
Morgens warme direkte Sonne, ab Mittag kühles indirektes Licht. Zwei Räume in einem.
Leicht: Töne mit mittlerer Sättigung, die beides aushalten — Salbei, Lehm, gebrochenes Weiß.
Schwierig: Sehr helle, sehr kühle Töne. Morgens sehen sie cremig aus, nachmittags blaustichig.
Südzimmer
Viel direkte Sonne, hohe Helligkeit, über den Tag wandernd. Der einfachste Fall.
Leicht: Fast alles. Auch kühle und dunkle Töne, die anderswo schwer sind, funktionieren hier.
Schwierig: Sehr helle Warmtöne. Sie können in der Mittagssonne grell werden und blenden.
Westzimmer
Vormittags gedämpft, abends die volle warme Sonne. Der größte Unterschied über den Tag.
Leicht: Töne, die man abends sehen will — hier wirkt Abendsonne am längsten.
Schwierig: Alles, was auf Neutralität angewiesen ist. Ein reines Weiß ist hier abends nicht weiß.
Die Probefläche, richtig gemacht
- Nicht auf die Wand malen — auf ein Blatt. Ein A2-Bogen Malerkarton, zweimal gestrichen wie später die Wand. Er lässt sich an jede Wand halten, auch an die dunkelste, und er verfälscht nichts durch die alte Farbe darunter.
- Zwei Anstriche, dann warten. Fast jede Wandfarbe trocknet heller auf als sie nass aussieht, viele auch eine Spur kühler. Vor der zweiten Nacht ist die Beurteilung wertlos.
- Ansehen bei Tageslicht und bei eingeschaltetem Licht. Das ist der Schritt, den fast alle auslassen — und der Grund, warum ein Ton „abends plötzlich anders" ist. Er war immer so, man hat ihn nur nie abends angesehen.
- Neben etwas Weißes halten. Ein Blatt Papier daneben zeigt den Farbstich, den das Auge sonst wegrechnet. Genau diesen Stich sieht man später an der Zimmerdecke.
- An die dunkelste Wand des Raums. Wenn ein Ton dort trägt, trägt er überall. Umgekehrt gilt das nicht.
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Alle 66 Töne mit Hellbezugswert und Farbtrio
Prüfstand
Geruch, VOC und Kinderzimmer
Ratgeber
Dunkel streichen, ohne dass der Raum zufällt
Die übrigen Prüfstände
- Welche Wandfarbe deckt am besten?
- Welche günstige Wandfarbe ist wirklich gut?
- Welche Wandfarbe ist wirklich abwaschbar?
- Welche Grundierung brauche ich?
- Lohnt sich ein Renovierungsset oder kaufe ich einzeln?
- Welcher Lack für Türen und Möbel?
- Welche Malerwalze für Wandfarbe?
- Welches Malerband für scharfe Kanten?
- Welche Spachtelmasse für Dübellöcher?